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The Tomorrow Children – Eine bessere Welt?
Review

The Tomorrow Children – Eine bessere Welt?

Kommunismus in a nutshell

Im online-Multiplayer The Tomorrow Children dreht sich alles um die sowjetische Dystopie des Kommunismus. Im Void, so der Name der Welt, muss eine neue, blühende Gemeinschaft geschaffen werden. Der Spieler steigt in der Arbeiterklasse ein, der niedrigsten sozialen Schicht, und versucht, sich in die Bourgeoisie hochzuarbeiten, in dem er der Kommune dient, wo er kann. Ein kleines Dorf, eine Art Kulak, bildet die Basis, von der aus durch Reisen zu kleinen Inseln Ressourcen wie Holz, Gold oder Nahrungsmittel beschafft werden können.

Bourgeoisie ahoi!

Als ich ins Tutorial von The Tomorrow Children starte, werde ich zuallererst mit Pässen und Ausweisen jeglicher Art bestückt, während mir ein alter Mann in einem Video auf flackerndem Bildschirm erklärt, was Sinn und Zweck meines Daseins im Void sind. Er spricht Russisch, ich versuche fleissig, den Untertiteln zu folgen, doch am Ende des Tutorials bin ich etwas verwirrt. Ich soll mit den anderen Spielern ein neues Reich aufbauen, wobei es verschiedene Klassen gibt. Meine Pässe besagen jedoch, dass ich wohl direkt als Bourgeois eingestiegen bin, auch die begehrten Residence-Papers finden sich in meinem Inventar, damit könne ich mir ein Haus bauen. In der aus dem Nichts auftauchenden Metrostation besteige ich einen Zug, der mich in meine Stadt bringt.

Kampf ums Überleben

In meiner Ankunftsstadt, Modaitsa, geht gerade alles drunter und drüber. Ein riesiges Ungetüm, wie ich später herausfinde Izverg genannt, greift uns an. Kopflos klettere ich auf eine kleine Gefechtsstation am Rande der Stadt und ballere drauf los. Es wirkt, der Izverg lässt kurz darauf vom Gebäude ab, auf das er gerade eindrosch. Schon bald muss ich ein erstes Mal wiederbelebt werden, auf meinem Streifzug durch die Stadt werde ich von einer überdimensionalen Mücke gestochen. Bald lerne ich, mich auch gegen diese Biester zu verteidigen.

tomorrow children bild 1
Beim Ressourcensammeln muss ich aufpassen, dass mich die Moskitos nicht kriegen.

Guter Rat ist teuer

An kleinen Schaltern erstehe ich für Essenscoupons, die mir das Arbeitsministerium zur Verfügung stellt, erste Werkzeuge. Hier habe ich schon ersten Kontakt zum Schwarzmarkt: der Verkäufer vom Waffenstand erklärt, dass alles, was er verkaufe, „Rubbish“ sei. Er schiebt einen kleinen Prospekt über den Tresen: Hier könne ich immer anrufen, wenn ich etwas benötige. Natürlich probiere ich das gleich aus und finde schnell den Haken: Ich muss mit Freeman-Dollars bezahlen, eine Währung, die, wie der Name schon sagt, am Staat vorbeigeschmuggelt wird. Ich finde die Scheine regelmässig auf dem Boden liegen oder aber könnte sie für echtes Geld kaufen.

Meine Aufgabe

Ich passiere eine Haltestelle, bei der gerade ein Bus steht. Ich steige zu und fahre hinaus ins Nichts – wie ich annehme. Bald sehe ich die Insel, die vor mir über der weissen, tristen Ebene aufragt. Ich pickle wild drauf los und finde auch schon bald etwas Gold. Ich  kann es zurück zur Busstation tragen, wo es automatisch in die Stadt gebracht wird. Auch eine kleine Matrjoschka finde ich (irrtümlich oft Babuschka genannt, wie mich Wikipedia belehrt). Aus dem Tutorial weiss ich noch, dass ich sie „retten“ muss und in die Stadt zurückbringen, wo sie zu einem Einwohner werden soll. Ganz so weit komme ich nicht, ich lasse sie fallen und sie zerbricht mir, wofür ich einen ersten Rüffel von einem herumstehenden Offizier kassiere. Hier im Void muss man sich an die Regeln halten!

Als ich versuche, zu Fuss zurück in die Stadt zu gelangen, versinke ich nach einigen Schritten im Boden und muss wiederbelebt werden. Die Inseln sind nur per Bus oder Fahrzeug erreichbar.

Du bist nicht allein

Lange denke ich, ich sei alleine unterwegs im Void. Bald jedoch erkenne ich gelegentlich flimmernde Silhouetten, die Bäume fällen oder neben mir im Bus sitzen. Dabei handelt es sich um meine Mitspieler, die gleichzeitig online sind. Ich kann sie mit einfachen Gesten loben oder rügen, andere Kommunikationsmöglichkeiten gibt es nicht. Und doch arbeiten wir zusammen. Fliege ich mit einem Jetpack zum höchsten Punkt einer Insel und werfe Gold herunter, so kann ich sicher sein, dass es unten aufgelesen und zum Bus gebracht wird. Wie Ameisen helfen alle mit und haben dasselbe Ziel: Eine bessere Welt aufzubauen.

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Mit dem Jetpack vom Schwarzmarkt hoch hinaus.

Fazit

Nach mehreren Tagen intensiven Spielens beginne ich, einen Durchblick zu haben. Ich verstehe, was um mich herum passiert, was ich tun muss, um Aufgaben zu erledigen, und wie ich mit meinen Mitspielern in Kontakt trete. Doch das braucht alles seine Zeit, sehr selbsterklärend ist The Tomorrow Children nicht – mit dem Spiel beigelegten, ausführlichen User Guide helfen die Entwickler dem Spieler auf die Sprünge. Geschichtsvorkenntnisse zum Kommunismus und der UdSSR schaden auch keinesfalls, so stechen Details wie die omnipräsente Propaganda oder der Schwarzmarkt leichter ins Auge und die Botschaft der Spielerrangliste am Stadteingang wird klar. Wir können alle dasselbe machen, aber wir werden nie alle gleich sein. Wir sind keine Ameisen, sondern Menschen.

Alles in allem ein spannendes Spiel, das zum Nachdenken und Auseinandersetzen mit der Geschichte anregt. Da es sich noch um eine Betaversion handelt, sind viele Dinge noch nicht ganz ausgereift. So führt die Metro nirgends mehr hin oder der Bus fährt durch Gebäude hindurch. Was mich persönlich nervt, sind die käuflichen Freeman-Dollars für besseres Material und ein flüssigeres Spielerlebnis. Wobei sie gleichzeitig den Einfluss des Kapitalismus auf die Kommune der Menschen signalisieren und deshalb wohl unentbehrlich sind für den Hintergedanken des Spiels.

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Gemeinsam für eine bessere Welt – kommunistisches Gedankengut, das zum Philosophieren anregt.
Verfasst von Nadja am 16. September 2016

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