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Angeschaut: Cibele
Review

Angeschaut: Cibele

Nina, sich aus Einsamkeit in die virtuelle Welt flüchtend, trifft unerwartet auf Gleichgesinnte. Die zwischenmenschlichen Beziehungen führen zum Aufbau von Selbstvertrauen.

Das Spiel rückt nach und nach vom Vorder- in den Hintergrund; abgelöst durch das Verschieben des sozialen Gefüges und beflügelt durch Ninas gestärktes Selbstwertgefühl.

Innen

Zunächst möchte ich euch drei Passagen aus meinem eigenen Leben erzählen, welche mir beim Spielen von Cibele in Erinnerung gerufen worden sind:

2005. Das MMO World of Warcraft beeinflusste das Leben vieler Jugendlichen und Erwachsenen. Darunter auch mein 16-jähriges Ich. Die Schule frisch abgeschlossen, ins Berufsleben noch nicht gestartet, schwebte ich eine Blase der Ungewissheit. Freundeskreise lösten sich auf, ehemalige Kollegen verblassten. WoW begleitete mich in dieser schwierigen Zeit tagtäglich; vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Während Wochen sprach ich kaum ein Wort, was sich Monate danach noch in meiner Sprechweise bemerkbar machte.

Über ein Jahr hatte ich mit einem Mädchen täglichen Kontakt übers Internet ohne uns je zuvor gesehen zu haben. Es stellte sich heraus, dass wir uns zweimal jeweils um ein paar Stunden verpasst hatten, in einem Land fernab unserer Wohnorte. Als das Thema zur Sprache kam, sich bewusst zu treffen, waren beide zu verängstigt. Wir trafen uns nie. Bis heute ist sie einer der wenigen Menschen, der dem Begriff Seelenverwandte nahe kommt.

Das erste Mal Sex ist selten spektakulär, wobei unangenehm es bei mir besser trifft. Wir waren bei ihr zu Hause und warteten auf die Heimkehr ihrer Mutter, welche mich vorher noch nie gesehen hatte und mich zuerst begutachten wollte, bevor ich bei ihnen in der Wohnung übernachten durfte. Um halb ein Uhr Morgens tauchte die Mutter auf, nach einem kurzen Gespräch erhielt ich das OK, sie war Psychologin von Beruf – und schlief direkt neben dem Zimmer meiner damaligen Freundin, welches dünne Wände hatte; sehr, sehr dünne Wände.

Aussen

Cibele ist ein autobiographisches Werk von Nina Freeman und handelt von der ersten grossen Liebe. Wir durchlaufen dabei drei, aus drei Szenen bestehende, Akte, immer beginnend mit einer Desktop Oberfläche. Wir lesen alte Chatlogs, sehen uns Bilder aus ihrer Jugend an und schmökern im Email Postfach rum. Ein gewisser Hang zu indiskreter Neugierde ist hier von Vorteil, da ansonsten vieles an Hintergrundinformationen zur Entwicklung der Charaktere verloren geht.

Wir starten das MMO Valtameri, Finnisch für Ozean, worin wir Ichi, Japanisch für Nummer 1, kennen gelernt haben. Eine schön gewählte Analogie, die leicht zu übersehen ist. Stupide klicken wir auf Gegner, wobei die Wegfindung unseres Charakters nicht ausreichend gut programmiert wurde, sodass wir vielmals an Ecken und Kanten stecken bleiben. Valtameri ist jedoch nur ein Mittel zu Zweck und repräsentiert auf minimalistische Weise die geistlose Routine des sogenannten Grindens. Während dem Spielen hören wir konstant den Skype-Gesprächen von Nina und Ichi zu, chatten mit anderen Spielern und begutachten neue Emails.

Nach dem Besiegen eines Bosses folgt jeweils die dritte Szene, bestehend aus einem Kurzfilm. Voyeuristen werden hier gut bedient, für andere ist es unangenehm zuzusehen, wie Nina für Selfies in Unterwäsche posiert und sich allgemein sehr freizügig zeigt. So offen wie die Filmschnippsel geht das komplette Werk mit dem Zeitabschnitt in Ninas Leben um. Cibele ist ein unglaublich ehrliches Spiel, welches uns einen tieferen Einblick in die Seele eines jungen Menschen beim Entdecken der Liebe und Sexualität gewährt.

Wer mit dem Kybele– und Attiskult vertraut ist, der wird die zunächst seltsame Namensgebung des Spieles beim Betrachten der Credits, nach maximal zwei Stunden, mit nickender Anerkennung verstehen.

Das zurückgezogene Mädchen wurde zur aufgeschlossenen Frau.

Verfasst von Patrick am 5. November 2015

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