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Review

Angeschaut: Evoland II

Ich mag mich noch erinnern, als ich zum ersten Mal Evoland gespielt habe. Ich war hingerissen von der schieren Menge an nostalgischen Grafikstilen und dem klassischen Gameplay. Aber mein Enthusiasmus hielt sich grösstenteils in Grenzen im Bezug auf die Erkundung der Welt und die sehr rudimentären Puzzles, sowie die sehr lineare und simple Geschichte. Evoland war im wahrsten Sinne des Wortes ein ungeschliffener Edelstein, der in seinen Grundzügen solide aufgebaut war, aber dem das gewisse Etwas noch fehlte. Zwei Jahre später folgt nun mit Evoland II: A Slight Case of Spacetime Continuum Disorder eine thematische Fortsetzung des ursprünglichen Konzeptes.

Von damals bis heute

Diejenigen unter uns, welche einen Grossteil der Entwicklung des Mediums Videospiel mitverfolgen durften, werden sich, wie schon im Original, sehr stark an eine grosse Bandbreite von Klassikern erinnert fühlen. Primäre Einflüsse stellen hierbei sowohl The Legend of Zelda als auch klassische japanische Rollenspiele wie Final Fantasy, Dragon Quest oder Chrono Trigger dar. Jedoch wird das Gameplay im Laufe der Zeit noch etwas erweitert: Street Fighter, „Bullet Hell“-Games, Plattformer, Bomber Man, Bejeweled, Final Fight, Megaman und in geringerem Ausmass auch Pong, Pac-Man, Space Invaders oder der Mobiltelefonklassiker Snake erhalten alle ebenfalls gebührende Hommagen.

Bei einer solchen Bandbreite an Gameplay stellt sich allerdings die Frage, ob die Ausführung dessen dem jeweiligen Original das Wasser zu reichen vermag. Und hier kann ich zum Teil leider nur mittelmässige Zeugnisse ausstellen. Der Street Fighter-Kampf zum Beispiel leidet unter sehr unpräziser Steuerung, sodass gewisse Angriffe nicht zuverlässig ausgeführt werden können. Bei der „Bullet Hell“-Sektion haben es die Entwickler leider übersehen, dass unser Schiff in der Regel nur einen einzigen Pixel hat, der gegenüber gegnerischem Feuer verwundbar ist. In Evoland II stellt das gesamte Charaktermodell eine Angriffsfläche dar und erschwert dadurch leider unseren Fortschritt zum Teil. Die meisten anderen Hommagen werden ihren jeweiligen Musen grösstenteils gerecht. Allerdings muss hierbei auch angesprochen werden, dass sich das Spiel durch die immense Anzahl an Tributen doch zum Teil unnötig in die Länge zieht. Bei manchen Sektionen hat man nach wenigen Minuten schon genug davon, wird aber dennoch genötigt, weitere 15 – 20 Minuten mit dem jeweiligen Gameplay zu verbringen.

Zurück in die Zukunft

Grundsätzlich bleibt auch festzuhalten, dass Evoland II sein Gameplay sehr viel statischer einsetzt als sein Vorgänger. Dort mussten zum Teil Puzzles gelöst werden, indem der Spieler zwischen dem 16 bit-Stil und dem 3D-Stil hin und her wechseln musste. Dies kommt in Evoland II leider nicht mehr vor. Die Grafik-Generationen stellen hierbei temporale Generationen im Spiel dar. Will heissen, dass die „Gegenwart“ im Spiel in 16 bit-Grafik dargestellt wird, die „Vergangenheit“ in 8 bit und die „Zukunft“ in moderner Polygongrafik. Bei Letzterem ist noch anzumerken, dass die statische Kamera erhalten bleibt und es somit teilweise etwas schwierig ist, gewisse Objekte auszumachen. In einem Dungeon kam es bei uns vor, dass ein Schalter, den wir umlegen mussten, etwa zur Hälfte von einer Mauer im Vordergrund verdeckt wurde.

Wie bereits das Gameplay, ist auch die Geschichte von Evoland II grösstenteils von den Klassikern beeinflusst. Am ehesten dürfte wohl noch das bereits angesprochene Chrono Trigger als Inspiration gedient haben, da es in Evoland II wie bereits erwähnt um Zeitreisen geht. Dementsprechend verändert sich die Welt je nach dem in welcher Periode wir uns befinden und wir erhalten entweder Zugang zu unterschiedlichen Charakteren und bisher abgeriegelten Teilen der Welt oder verlieren diesen in anderen Epochen zum Teil wieder. Durch diese Zeitreisemechanik kann es allerdings leicht vorkommen, dass dem Spieler mehrere Aufgaben übertragen werden, ohne dass diese jemals schriftlich festgehalten werden. Dies führt leicht zu einem verwirrten Spieler, der zum Teil den ganzen Planeten abgrasen muss, um die Fährte der Geschichte wiederaufnehmen zu können.

Es bleibt jedoch bei den Storyeinflüssen nicht nur bei Chrono Trigger. Viele andere Games werden ebenfalls angesprochen. So scheint etwa ein Junge in grünen Kleidern überall sein Unwesen zu treiben, indem er sämtliche Töpfe in der Gegend zerstört und Hühner quält. An anderen Orten sehen wir Blumentöpfe mit Piranha Pflanzen oder Minecraft’s Creeper herumlaufen. Oftmals begegnen wir auch Elementen aus Film und Fernsehen. Eine Sektion in einem Labor ist so vollgestopft mit ausgeliehenen Elementen, dass es schier unmöglich ist alle aufzuzählen. Wir treffen auf die Xenomorph der Alien-Filme, die Dalek aus Doctor Who und ein Metroid, in einem Labor das jenem von Dr. Gero der Red Ribbon Armee aus Dragonball nachempfunden ist, inklusive der jeweiligen Gehäuse in welchen die Cyborgs C-16, C-17, C-18 und C-19 verweilen.

Ninja Pirate Zombie Robot

Ihr seht also, Evoland II macht vor absolut gar nichts halt. Das mag zwar auf den ersten Blick als positives Zeugnis erscheinen, denn auf der einen Seite macht es das Spiel für Nostalgiker wie mich sehr ansprechend, aber es birgt auch die Gefahr von Übersättigung. Gerade das stellt bei Evoland II den Grund dar, warum mir nach der anfänglichen Euphorie nach wenigen Stunden schon zeitweise langweilig wurde. Es wird zu viel Popkultur wiederverwertet, zu wenige eigene Ideen eingebracht. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Mash-Up.

Leider übernimmt das Spiel nicht nur die positiven Aspekte seiner Inspirationsquellen, sondern auch teilweise Dinge die, seien wir ehrlich, nicht so gut waren. Allen voran die Tatsache, dass wir die Länge und Breite der Weltkarte dutzendfach und in mehreren Zeitepochen abmarschieren auf der Suche nach Teilen eines ganzen Objekts, das wir für unseren nächsten Schritt benötigen; oder auch schier endlose Puzzlesektionen in Dungeons. All dies nimmt dem Spiel je länger je mehr den Wind aus den Segeln. Gerade im Vergleich mit dem Vorgänger ist zu beobachten, dass Evoland II zwar deutlich mehr Abwechslung zu bieten hat, aber damit auch Fokus verliert.

Fazit

Es schmerzt mich sehr, einem Spiel das mit so viel Liebe zum Detail entwickelt wurde, ein schlechtes Zeugnis auszustellen. Dabei gibt es so viel Positives an Evoland II zu finden. Die unterschiedlichen Grafikstile sind meisterhaft umgesetzt und der Soundtrack muss sich hinter jenen seiner Inspirationsquellen nicht verstecken. Aber ein Grossteil des Gameplays ist – auch wenn es kompetent umgesetzt ist – auf die Dauer nicht interessant. Viele der Puzzles bieten einem kaum etwas, an welchem man sich die Zähne ausbeissen kann und generell zieht sich das Spiel wie bereits angesprochen einfach nur unnötig in die Länge.

Wer der Plackerei alter Rollenspiele mehr abgewinnen kann als wir und wer sich die Zeiten der 80er und 90er zurückseht, dem sei Evoland II: A Slight Case of Spacetime Continuum Disorder wärmstens empfohlen, denn sie werden genau das finden wonach sie suchen. Alle anderen können getrost darauf verzichten, da alles was Evoland II zu bieten hat bereits in irgendeiner Form anderswo in besserer Ausführung existiert.

Verfasst von Roger am 29. September 2015

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